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R4 Reportagen Nr. 8

„Werte Freunde, dank meiner Überzeugungskünste hat das Foto-Shooting mit dem Spinnrad letztendlich doch funktioniert. Hier ist das transkribierte Interview.

Resi: Liebes Spinnrad, deine Spezies hat eine bemerkenswerte Geschichte. Erzähle mir bitte etwas darüber.

Spinnrad: Die haben wir tatsächlich. Meine Vorfahren wurden in Indien und China zwischen dem 5. Jhd. und 10. Jhd. entwickelt. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts sind wir aus dem orientalischen Raum nach Europa eingewandert. Teilweise wurden wir aber noch bis ins 16.Jhd. von diversen Zünften angefeindet und sogar verboten.

Resi: Ihr habt aber auch in Indien für eine enorme Veränderung gesorgt.

Spinnrad: Du hast gut recherchiert. Mahatma Ghandi, den wir Spinnräder heute noch verehren, führte den friedlichen Widerstand Indiens gegen die britische Kolonialherrschaft an, was letztendlich auch 1947 zur Unabhängigkeit führte. Ghandi befürwortete das einfache Leben, die Hygiene, die Naturheilkunde und die vegetarische Lebensweise, und erhob uns Spinnräder als Symbol dieser Lebensweise. Mit uns konnten sich ärmere Inder einen Nebenverdienst schaffen.

Resi: Ihr kommt auch in Märchen vor.

Spinnrad: Diese Frage musste ja kommen. Grimmig denke ich da an die Gebrüder Grimm. ‚Dornröschen‘ ist für uns kein Märchen, sondern eine Horrorgeschichte. Überlege einmal. Nur weil sich so eine verwöhnte Göre von Prinzessin an einer Spindel stechen sollte wurden im betreffenden Königreich alle Spinnräder verbrannt! Aber es gibt auch eine für uns etwas versöhnliche Geschichte vom ‚Rumpelstilzchen‘. Eine Müllerstochter konnte aus Stroh mit unserer Hilfe Gold spinnen. Stelle dir vor wir könnten das heute noch. Wir wären unbezahlbar.

Resi: Mich interessiert noch folgendes. Warum sagen die Menschen manchmal zu anderen ‚Du spinnst ja‘, obwohl der oder die Betreffende gar kein Spinnrad hat!

Spinnrad: Das kommt aus den Anfängen der Psychiatrie. In den ersten ‚Irrenhäusern‘ (wie man damals noch sagen durfte) wurden die Insassen oft mit einfachen Handarbeiten beschäftigt, wozu auch spinnen und weben gehörte. Früher nannte man die Irrenanstalt auch schon mal die ‚Webstube‘ und ihre Insassen ‚Webstübler‘. Analog dazu ist ein Insasse der ‚Spinnstube‘ eben ein ‚Spinner‘.

Resi: Wie siehst du die Zukunft für dich und deine Kollegen.

Spinnrad: Durchaus positiv. Wir erleben eine Wiedergeburt. Viele Menschen interessieren sich für diese Art der Herstellung von Garn. Es werden Kurse angeboten und sogar neue Spinnräder mit coolem Design gebaut usw. usw. Ich bin darüber soooo happy.

Resi: Das freut mich für dich und ich wünsche dir alles Gute.

Spinnrad: Ich danke dir und sorry, dass ich dir zuerst solche Schwierigkeiten gemacht habe.

Resi: Kein Problem.

Bis bald – ich bin Resi, eure Rasende ReVilla-Reporterin.“